Donnerstag, 4. April 2013

Pokern mit hohem Einsatz

Von Florian Burkhardt

Ich muss gestehen, dass ich bis gestern Morgen die Eskalationen auf der koreanischen Halbinsel nicht wirklich ernst genommen habe. Die Drohungen und vor allem die Erklärung des Kriegszustandes erinnerten mich an das Sprichwort: „Hunde, die bellen, beißen nicht.“ Es war das übliche Muskelspiel, dass der Norden betrieb, um auf sich aufmerksam zu machen. In meinen Augen und in denen der meisten Kommentatoren weltweit bluffte Nordkorea.

Bis gestern Morgen waren es nämlich nur Drohungen, juristische Spitzfindigkeiten und das Abbrechen von Kommunikation, alles Schritte, die Nordkorea schon früher unternommen hatte. Keine dieser Maßnahmen hatte wirklich negative Folgen für den Norden, was nicht darauf schließen ließ, dass man es in Pyongyang wirklich ernst meinte. Allerdings wurde heute morgen der Industriekomplex Kaesong geschlossen, und sich damit das erste mal selbst geschadet. Der von beiden Koreas betriebene Komplex lieferte dem Norden wichtige Devisen.

Nun also steht dieser so wichtige Komplex seit gestern morgen vor dem Aus. Und mit ihm wie gesagt meine Gewissheit, dass das fragile Gleichgewicht auf der koreanischen Halbinsel die Entwicklungen seit Dezember schon unbeschädigt überstehen wird. Jetzt jedoch, wo klar wird, dass Nordkorea nicht ausschließlich blufft, drängt sich die Befürchtung auf, dass ein Krieg so nah ist, wie schon seit dem Bombardement der Insel Yeonpyeong 2010 nicht mehr.

Die Unsicherheit, vor der ich jetzt stehe, lässt sich auf mangelndes Wissen zurückführen. Niemand weiß zu 100%, was in diesem Land vor sich geht. Niemand weiß zu 100%, was sich Nordkorea von diesem Verhalten erhofft. Es ist unklar, wer wirklich die Macht innehat und es ist unklar, wie weit das Nuklearprogramm ist. Das Einzige was klar scheint, ist die Überlegenheit von Südkorea und den Amerikanern.

Schon zweimal habe ich hier Pokerbegriffe verwendet. Und gleichwohl mir klar ist, worum es hier geht, möchte ich die Metapher ausführen, um klarzustellen, wie sich mir die Situation darstellt: Da wird um einen verdammt hohen Einsatz gepokert, nämlich unzählige Menschenleben und der Norden treibt den Einsatz immer höher. Dabei weiß der Westen nicht, was die Diktatur der Kims auf der Hand hat und wie weit sie wirklich gehen wird. Und jetzt stellt sich die Frage: Blufft Kim Jon Un nur? Oder geht er wirklich so weit?

Dahinter wiederum steckt die Frage, ob Nordkorea wirklich zurechnungsfähig ist. Haben wir es mit einem riskant, aber rational handelnden Diktator zu tun, oder ist der Herr von Pyongyang ein „Irrer mit der Bombe?“ Entsprechend schwer ist es ein abschließendes Fazit zu ziehen. Bislang war ich wie bereits gesagt auf der Seite der Beschwichtiger. Aber nun? Nun da Nordkorea wohl bereit ist deutlich mehr aufs Spiel zu setzen, bin ich mir nicht mehr sicher, ob der Waffenstillstand auf der koreanischen Halbinsel noch zu halten ist. Währenddessen setzt Nordkorea mit jedem Tag die Einsätze hoch. Aktuell bräuchte es wohl nur einen Funken um das Pulverfass zu entzünden. Und dann wird aus dem Bluff ganz schnell bitterer Ernst.

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