Von Florian Burkhardt
Ich muss gestehen, dass ich bis gestern Morgen die Eskalationen auf der koreanischen Halbinsel nicht wirklich
ernst genommen habe. Die Drohungen und vor allem die Erklärung des
Kriegszustandes erinnerten mich an das Sprichwort: „Hunde, die
bellen, beißen nicht.“ Es war das übliche Muskelspiel, dass der
Norden betrieb, um auf sich aufmerksam zu machen. In meinen Augen und
in denen der meisten Kommentatoren weltweit bluffte Nordkorea.
Bis gestern Morgen waren es nämlich nur
Drohungen, juristische Spitzfindigkeiten und das Abbrechen von
Kommunikation, alles Schritte, die Nordkorea schon früher
unternommen hatte. Keine dieser Maßnahmen hatte wirklich negative
Folgen für den Norden, was nicht darauf schließen ließ, dass man
es in Pyongyang wirklich ernst meinte. Allerdings wurde heute morgen
der Industriekomplex Kaesong geschlossen, und sich damit das erste
mal selbst geschadet. Der von beiden Koreas betriebene Komplex
lieferte dem Norden wichtige Devisen.
Nun also steht dieser so wichtige
Komplex seit gestern morgen vor dem Aus. Und mit ihm wie gesagt
meine Gewissheit, dass das fragile Gleichgewicht auf der koreanischen
Halbinsel die Entwicklungen seit Dezember schon unbeschädigt
überstehen wird. Jetzt jedoch, wo klar wird, dass Nordkorea nicht
ausschließlich blufft, drängt sich die Befürchtung auf, dass ein
Krieg so nah ist, wie schon seit dem Bombardement der Insel
Yeonpyeong 2010 nicht mehr.
Die Unsicherheit, vor der ich jetzt
stehe, lässt sich auf mangelndes Wissen zurückführen. Niemand weiß
zu 100%, was in diesem Land vor sich geht. Niemand weiß zu 100%, was
sich Nordkorea von diesem Verhalten erhofft. Es ist unklar, wer
wirklich die Macht innehat und es ist unklar, wie weit das
Nuklearprogramm ist. Das Einzige was klar scheint, ist die
Überlegenheit von Südkorea und den Amerikanern.
Schon zweimal habe ich hier
Pokerbegriffe verwendet. Und gleichwohl mir klar ist, worum es hier
geht, möchte ich die Metapher ausführen, um klarzustellen, wie sich
mir die Situation darstellt: Da wird um einen verdammt hohen Einsatz
gepokert, nämlich unzählige Menschenleben und der Norden treibt den
Einsatz immer höher. Dabei weiß der Westen nicht, was die Diktatur
der Kims auf der Hand hat und wie weit sie wirklich gehen wird. Und
jetzt stellt sich die Frage: Blufft Kim Jon Un nur? Oder geht er
wirklich so weit?
Dahinter wiederum steckt die Frage, ob
Nordkorea wirklich zurechnungsfähig ist. Haben wir es mit einem
riskant, aber rational handelnden Diktator zu tun, oder ist der Herr
von Pyongyang ein „Irrer mit der Bombe?“ Entsprechend schwer ist
es ein abschließendes Fazit zu ziehen. Bislang war ich wie bereits
gesagt auf der Seite der Beschwichtiger. Aber nun? Nun da Nordkorea
wohl bereit ist deutlich mehr aufs Spiel zu setzen, bin ich mir nicht
mehr sicher, ob der Waffenstillstand auf der koreanischen Halbinsel
noch zu halten ist. Währenddessen setzt Nordkorea mit jedem Tag die
Einsätze hoch. Aktuell bräuchte es wohl nur einen Funken um das
Pulverfass zu entzünden. Und dann wird aus dem Bluff ganz schnell
bitterer Ernst.
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