Montag, 8. Juli 2013

¡Viva la visión!

Von Florian Burkhardt

Das war sie also meine erste Juso-Landesdelegiertenkonferenz. Ich muss gestehen, ich bin überraschend unüberrascht: Die Grußworte waren so langweilig wie erwartet und die Konfliktlinien verliefen, wie es abzusehen war.

Eine Sache, die zwar ebenso sehr vorhersehbar war, hat man ehrlich gesagt, dann doch gestört. Ein Argument, das bei einigen Kritikern des Landesvorstandes mit großer Häufigkeit genutzt wurde. Die viel beschworene „Vision“.

Es fehle den Anträgen des Landesvorstandes oder Kreisverbänden, die ihm inhaltlich nahestehen, stets an Visionen. Es sei keine Vision erkennbar. Oder der visionäre Charakter komme zu kurz.

Ich könnte nun zu einer Visionskritik greifen, und à la Helmut Schmidt einfach alle Kritiker zum Arzt schicken. Oder ich kann mich, als jemand der dem Landesvorstand inhaltlich nahe steht, mit dem Vorwurf auseinandersetzen, dass es mir an Visionen mangele.

Meiner bescheidenen Meinung nach mangelt es nämlich weder mir noch denen, die inhaltlich nicht ganz so radikale Positionen vertreten, an einer Vision. Denn nur weil jemand Inhalte fordert, die „linker“ sind, als sie die SPD oder andere vertreten, macht ihn das noch lange nicht zum Visionär. Und nur weil jemand von sich behaupten kann, dass er inhaltlich mit Marx, Keynes oder einem anderen großen Denker in einer Linie steht, macht ihn das noch lange nicht zu einem solchen Denker.

Nein, Visionär ist man nicht nur, in dem man etwas Utopischeres fordert, als es die Mutterpartei oder die Mehrheit der Gesellschaft fordert. Visionär ist man, wenn man eine klare Vorstellung davon hat, was und vor allen Dingen, wie man eine Gesellschaft verändern will. Nun mag man es visionär nennen, wenn man an einem Rednerpult steht und Feminismus, Antifaschismus und demokratischen Sozialismus predigt. Und ich persönlich stehe zu jedem einzelnen dieser Ideale.

Aber an dieser Stelle sollte vielleicht ein Visionär wie Willy Brandt sprechen, der es 1992 so ausdrückte: „Besinnt Euch auf Eure Kraft und darauf, daß jede Zeit eigene Antworten will und man auf ihrer Höhe zu sein hat, wenn Gutes bewirkt werden soll.“ Es ist nichts visionär daran Dinge zu fordern, die vor einem schon andere erfolglos gefordert haben und erst recht ist es nicht visionär eine Utopie als Selbstzweck zu predigen, ein Ideal, das für 99% der Menschen außerhalb der Parteien nur eine leere Hülle ist, schlicht und ergreifend etwas, was ihnen nichts bedeutet.

Vielmehr sollte man stets versuchen die richtigen Antworten für die richtige Zeit zu haben, statt nur immer auf dem Maximum zu beharren. Willy Brandt hätte in den 70er Jahren auch auf eine schnelle Wiedervereinigung pochen können. Aber wäre er so als Visionär in die Geschichte eingegangen? Wohl kaum.

Wer politisch etwas bewegen will, der muss die Zeichen der Zeit sehen und das System, wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist, in die richtige Richtung bewegen. Immer ein Stück, so wie es immer die Art der Sozialdemokratie war. Durch Reformen und kleine Schritte, bereit zum Kompromiss, statt immer nur auf dem Maximum zu beharren. Visionär ist eben der, der realisierbare Alternativen bietet, der, der das in seiner Zeit maximal mögliche fordert. Das andere, das sind keine Visionäre, sondern Utopisten.

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