Das war sie also meine erste
Juso-Landesdelegiertenkonferenz. Ich muss gestehen, ich bin
überraschend unüberrascht: Die Grußworte waren so langweilig wie
erwartet und die Konfliktlinien verliefen, wie es abzusehen war.
Eine Sache, die zwar ebenso sehr
vorhersehbar war, hat man ehrlich gesagt, dann doch gestört. Ein
Argument, das bei einigen Kritikern des Landesvorstandes mit großer
Häufigkeit genutzt wurde. Die viel beschworene „Vision“.
Es fehle den Anträgen des
Landesvorstandes oder Kreisverbänden, die ihm inhaltlich nahestehen,
stets an Visionen. Es sei keine Vision erkennbar. Oder der visionäre
Charakter komme zu kurz.
Ich könnte nun zu einer
Visionskritik greifen, und à
la Helmut Schmidt einfach alle Kritiker zum Arzt schicken. Oder ich
kann mich, als jemand der dem Landesvorstand inhaltlich nahe steht,
mit dem Vorwurf auseinandersetzen, dass es mir an Visionen mangele.
Meiner
bescheidenen Meinung nach mangelt es nämlich weder mir noch denen,
die inhaltlich nicht ganz so radikale Positionen vertreten, an einer
Vision. Denn nur weil jemand Inhalte fordert, die „linker“ sind,
als sie die SPD oder andere vertreten, macht ihn das noch lange nicht
zum Visionär. Und nur weil jemand von sich behaupten kann, dass er
inhaltlich mit Marx, Keynes oder einem anderen großen Denker in
einer Linie steht, macht ihn das noch lange nicht zu einem solchen
Denker.
Nein,
Visionär ist man nicht nur, in dem man etwas Utopischeres fordert,
als es die Mutterpartei oder die Mehrheit der Gesellschaft fordert.
Visionär ist man, wenn man eine klare Vorstellung davon hat, was und
vor allen Dingen, wie man eine Gesellschaft verändern will. Nun mag
man es visionär nennen, wenn man an einem Rednerpult steht und
Feminismus, Antifaschismus und demokratischen Sozialismus predigt.
Und ich persönlich stehe zu jedem einzelnen dieser Ideale.
Aber
an dieser Stelle sollte vielleicht ein Visionär wie Willy Brandt
sprechen, der es 1992 so ausdrückte: „Besinnt Euch auf Eure Kraft
und darauf, daß jede Zeit eigene Antworten will und man auf ihrer
Höhe zu sein hat, wenn Gutes bewirkt werden soll.“ Es ist nichts
visionär daran Dinge zu fordern, die vor einem schon andere
erfolglos gefordert haben und erst recht ist es nicht visionär eine
Utopie als Selbstzweck zu predigen, ein Ideal, das für 99% der
Menschen außerhalb der Parteien nur eine leere Hülle ist, schlicht
und ergreifend etwas, was ihnen nichts bedeutet.
Vielmehr
sollte man stets versuchen die richtigen Antworten für die richtige
Zeit zu haben, statt nur immer auf dem Maximum zu beharren. Willy
Brandt hätte in den 70er Jahren auch auf eine schnelle
Wiedervereinigung pochen können. Aber wäre er so als Visionär in
die Geschichte eingegangen? Wohl kaum.
Wer
politisch etwas bewegen will, der muss die Zeichen der Zeit sehen und
das System, wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist, in die richtige
Richtung bewegen. Immer ein Stück, so wie es immer die Art der
Sozialdemokratie war. Durch Reformen und kleine Schritte, bereit zum
Kompromiss, statt immer nur auf dem Maximum zu beharren. Visionär
ist eben der, der realisierbare Alternativen bietet, der, der das in
seiner Zeit maximal mögliche fordert. Das andere, das sind keine
Visionäre, sondern Utopisten.
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