Sonntag, 3. März 2013

Eine Frage der Gerechtigkeit!

Von Florian Burkhardt

Rein von meiner Familienplanung bin ich ein wirklich erschreckend biederer Mensch. Ich will später einmal im Speckgürtel einer Großstadt leben, am allerbesten im Eigenheim, mit einem guten Menschen verheiratet und am zwei oder mehr Kinder. Wenn ich ehrlich bin, schwirren mir schon so ein paar Namen durch den Kopf.

Rein von der Planung her bin ich der Traum eines jeden Konservativen.

Das kleine Problem: Als Homosexueller wäre mein Partner ein Mann. Und damit wird aus meinem feuchten Traum jedes Konservativen so was wie einer der apokalyptischen Reiter des Untergangs des Abendlandes. Zusammen mit der Frauenquote und dem Mindestlohn. Allein durch die Tatsache, dass mein Partner das gleiche Geschlecht hat, wie ich ändert alles.

Dabei ist Deutschland so etwas wie eine der letzten Bastionen im Kampf gegen dieses “linksextreme Hippiegetue“. Allein in Europa ist die Liste schon ziemlich lang: die Niederlande, Belgien, Spanien (!), Norwegen, Schweden, Island, Dänemark und nun auch bald Frankreich und Großbritannien. Man könnte also sagen: Deutschland hinkt hinterher.

Dabei ist die Sache an sich eine relativ simple: Homosexuelle Paare fordern für sich nur genau die gleiche staatliche Anerkennung, wie sie auch heterosexuellen Paaren zugutekommt. Sie fordern die gleiche steuerliche Gleichbehandlung wie sie auch heterosexuellen Paaren zugutekommt. Und sie fordern für sich das Recht Kinder zu adoptieren, wie es auch heterosexuellen Paaren dürfen.

Mit keinem Wort wird in der Verfassung dieser Republik gesagt, dass die Ehe nur zwischen Mann und Frau existiert. Dass die Ehe unter einem besonderen Schutz steht, dass wird in der Verfassung geäußert. Und daran will auch niemand rütteln. Aber Ehe ist so viel mehr als nur die konservative Mann-Frau-Beziehung. Die Ehe ist – zumindest in meinen Augen – das Ja-Sagen zu einem langen und monogamen Leben in Liebe miteinander. Und genau das sollte nicht nur, sondern muss in einer modernen Demokratie auch homosexuellen Paaren zustehen. Alles andere ist Diskriminierung.

Weil man wird zwar toleriert. Aber was hat man den von dieser Toleranz? Einer Toleranz, die sagt, dass man zwar tun und lassen darf, was man will, aber bloß nicht erwarten soll, dass die Mehrheit das für gut befindet? Steht hinter dieser „Toleranz“ nicht einfach nur der Glaube, dass Homosexualität etwas Falsches ist, was man aber aus Sachzwängen erträgt, weil man halt muss? Aber das ist eben das Problem: An Homosexualität ist nichts falsch, sie ist nicht weniger, als heterosexuelle Liebe. Darum ist das hier auch keine Frage der Toleranz. Sondern eine der Gerechtigkeit. Es ist ungerecht die Liebe zwischen zwei Menschen wegen eines Umstandes herabzusetzen, der zum einen nicht gefährlich oder gar falsch ist und zum anderen niemandem schadet. Heterosexuellen Paaren geht nichts verloren, wenn die Ehe geöffnet wird. Und auch der Ehe geht nichts verloren, wenn sie als Institution im 21. Jahrhundert ankommt. Das Bundesverfassungsgericht hat das erkannt. Die SPD, die Grünen, die Linke, die FDP, sogar Teile der Union haben es erkannt. Laut Umfragen hat es ein Großteil der Bevölkerung erkannt. Und doch: Die Diskriminierung besteht weiter.

Ein heterosexueller Kommilitone von mir schrieb in dieser Woche in seinem Blog, man müsse differenzieren zwischen dem Menschen und der Homosexualität. Dass es nicht zu erdulden sei, wenn ein Mensch wegen seiner sexuellen Orientierung verfolgt wird, aber dass die Homosexualität und ihr Ausleben nicht privilegiert werden sollten. Und ein weiterer Kommilitone meinte zu mir ich müsse damit eben leben. Ich könne nicht „mit einem Bein in China und mit dem anderen in Timbuktu stehen“ und müsste mich ergo entscheiden.

Beide begehen sie den gleichen Fehler: Sie denken hinter der Homosexualität stehe eine Entscheidung. Dass man genauso homosexuell wird, wie man sich für einen neuen Haarschnitt entscheidet. Aber das ist einfach nicht richtig. Man wird nicht zum Homosexuellen, man ist es einfach. Das kann ich nicht einfach abstellen. Und so geht es Tausenden Menschen. Und vielleicht geht es von diesen Tausenden nur einigen wenigen so, dass sie sich Kinder wünschen. Aber eine Gerechtigkeitsfrage lässt sich nicht mit Argumenten der Quantifikation entkräften. Eine Gerechtigkeitsfrage ist immer eine Prinzipienfrage. Es gibt hier eine Minderheit, der der Staat Rechte vorenthält. Das Recht auf eine Ehe, das Recht auf eine Familie, das Recht auf Kinder. Eine Demokratie sollte keine Privilegien aufgrund von Geschlecht verteilen, aber genau das ist hier der Fall. Und das finde ich ist nichts anderes als Diskriminierung.

Es gibt mehr als genug Studien, die beweisen, dass es Kindern nicht schadet, wenn sie in einer Regenbogenfamilie aufwachsen. Das Bundesverfassungsgericht hat jetzt der Bundesregierung wieder einen Tritt in den Hintern verpasst, damit sie sich bewegt. Wieder wird Schwarz-Gelb dem widerwillig nachkommen. Und bis zum nächsten Urteil wird sich wieder nichts tun. Aber die Zeit drängt: Denn hinter den Homosexuellen gibt es noch andere drängende Fragen: Wie umgehen mit anderen queeren Gruppen, zum Beispiel dem Thema Transgender und Ähnlichem? Wie gehen wir mit Pansexuellen um oder polyamor lebenden Menschen? Was machen wir mit Menschen, die sich weder als Mann noch als Frau fühlen?

Unsere Gesellschaft ist viel differenzierter und pluralistischer als wir uns das vorstellen können. Egal wie die Mehrheit tickt, eine jede Minderheit hat Rechte. Und wir als Gesellschaft müssen lernen mit diesen umzugehen. Da hat die Union eine ganze Menge nachzuholen, aber auch in der SPD müssen wir unseren Blick auf gesellschaftliche Realitäten verfeinern. Denn nur, wenn wir diese im Blick behalten können wir den Anspruch beibehalten, für Gerechtigkeit zu stehen. Und zwar für Gerechtigkeit für alle Menschen.

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